Zwischen Themse, Sommerhitze und ganz viel Herzblut – Eine Premiere, die begeistert!
Es gibt Premieren, auf die freut man sich einfach. Und dann gibt es Premieren, die schon lange vor dem ersten Gong eine ganz besondere Spannung erzeugen. So ging es mir am vergangenen Samstag, als wir uns auf den Weg zur Freilichtbühne Twiste machten. Ziel war die Premiere der Freilicht-Krimikomödie „Das Gasthaus an der Themse“, nach dem gleichnamigen Roman von Edgar Wallace.
Da der Wetterbericht hochsommerliche Temperaturen versprach, war es eine gute Entscheidung, rechtzeitig in Bad Arolsen Quartier zu beziehen. Nach einer willkommenen Abkühlung und frisch gestärkt konnte der Abend beginnen. Und mit jeder Minute wuchs meine Vorfreude.
Das hatte durchaus persönliche Gründe.
Als Kind der 70er Jahre gehörte ich zwar genau zu der Generation, die mit den berühmten Edgar-Wallace-Verfilmungen aufgewachsen ist – anschauen durfte ich sie damals allerdings nicht. Für den kleinen Bernd waren die geheimnisvollen Nebelschwaden, finsteren Gestalten und rätselhaften Morde nach Meinung der Erwachsenen wohl noch eine Nummer zu groß. Vielleicht war genau das der Grund, warum diese Geschichten auf mich eine nahezu magische Anziehungskraft ausübten. Was verboten oder zu spannend erscheint, wird schließlich oft erst recht interessant.
Natürlich habe ich dieses Versäumnis später nachgeholt. Die Edgar-Wallace-Filme gehören für mich längst zu den Klassikern deutscher Filmgeschichte, und auch die Romanvorlagen besitzen ihren ganz eigenen Reiz. Umso neugieriger war ich nun auf die Bühnenfassung von „Das Gasthaus an der Themse“.
Schon beim Lesen des Romans wird deutlich, dass die Handlung an zahlreichen unterschiedlichen Orten spielt. Genau darin liegt eine besondere Herausforderung. Während ein Film mühelos von einem Schauplatz zum nächsten wechseln kann, verlangt das Theater nach kreativen Lösungen. Und ein Freilichttheater stellt dabei noch einmal ganz eigene Anforderungen. Ich gebe offen zu: Ich war ausgesprochen gespannt, wie die Freilichtbühne Twiste diese Aufgabe lösen würde.
Die Antwort ließ nicht lange auf sich warten.
Und sie fiel beeindruckend aus.
Schon nach den ersten Szenen wurde deutlich, mit welchem Ideenreichtum und welcher Leidenschaft hier gearbeitet wurde. Die Bühne war hervorragend gestaltet und verstand es, die unterschiedlichen Schauplätze glaubwürdig entstehen zu lassen, ohne dabei den Spielfluss zu unterbrechen. Die technische Umsetzung funktionierte nahezu nahtlos. Licht, Ton und Effekte unterstützten die Handlung genau dort, wo sie gebraucht wurden, ohne sich jemals in den Vordergrund zu drängen.
Mindestens genauso beeindruckend war jedoch das, was sich auf der Bühne abspielte.
Die Regie verstand es hervorragend, die Spannung der Geschichte mit dem augenzwinkernden Humor einer Krimikomödie zu verbinden. Genau dieses Wechselspiel macht den besonderen Charme des Stoffes aus. Mal durfte man miträtseln, im nächsten Moment herzlich lachen, ehe kurz darauf erneut geheimnisvolle Spannung entstand. Dieses ständige Wechselbad der Gefühle gelang bemerkenswert souverän.
Die Schauspielerinnen und Schauspieler überzeugten dabei mit sichtbarer Spielfreude. Keine Figur wirkte beliebig oder austauschbar. Jede Rolle hatte ihr eigenes Profil, ihren eigenen Charakter und ihre ganz persönliche Note. Man spürte jederzeit, dass hier Menschen auf der Bühne stehen, die nicht einfach Texte aufsagen, sondern ihre Figuren mit großer Überzeugung und viel Herzblut zum Leben erwecken.
Überhaupt hatte ich während des gesamten Abends immer wieder denselben Gedanken: Hier sind Menschen am Werk, die Theater nicht nur spielen – sondern leben.
Das beginnt bei der Organisation, setzt sich hinter der Bühne fort und zeigt sich schließlich auf der Bühne in jeder einzelnen Szene. Viele Besucher erleben verständlicherweise nur das fertige Ergebnis. Als Autor weiß ich aber, wie viele Stunden Planung, Proben, Umbauten, Abstimmungen und ehrenamtliches Engagement notwendig sind, damit am Ende alles so selbstverständlich wirkt. Genau deshalb verdient diese Leistung besonderen Respekt.
Mindestens ebenso schön wie die Aufführung selbst waren die Begegnungen nach dem Schlussapplaus.
Bei den gemeinsamen Fotos und den anschließenden Gesprächen zeigte sich noch einmal das, was den gesamten Abend geprägt hatte: Herzlichkeit.
Die Menschen der Freilichtbühne Twiste sind nicht nur begeisterte Theatermacherinnen und Theatermacher. Sie sind vor allem bodenständig, sympathisch, offen und angenehm unkompliziert. Man kommt miteinander ins Gespräch, lacht gemeinsam, tauscht Eindrücke aus und merkt sehr schnell, dass hier keine künstliche Distanz aufgebaut wird. Diese Authentizität ist ebenso wohltuend wie die Aufführung selbst.
Vielleicht ist genau das das Geheimnis von Freilichtbühnen.
Hier geht es nicht um Glamour oder große Eitelkeiten. Hier geht es um Gemeinschaft. Um Begeisterung. Um das gemeinsame Ziel, dem Publikum einen unvergesslichen Abend zu schenken. Und genau das ist der Freilichtbühne Twiste eindrucksvoll gelungen.
Es ist immer wieder schön zu erleben, was engagierte Menschen mit Leidenschaft, Kreativität und Zusammenhalt auf die Beine – oder besser gesagt: auf die Bühne – stellen können. Sie bauen nicht einfach Kulissen auf. Sie erschaffen für einige Stunden eine andere Welt, in der Spannung, Humor und Fantasie ihren Platz finden. Und genau dafür lieben wir das Theater.
Ich bin dankbar, bei dieser Premiere dabei gewesen zu sein. Sie hat einmal mehr gezeigt, dass gutes Theater nicht von der Bühne allein abhängt, sondern von den Menschen, die sie mit Leben füllen.
Liebe Freilichtbühne Twiste, herzlichen Glückwunsch zu dieser gelungenen Premiere! Vielen Dank für einen wunderbaren Sommerabend voller Spannung, Humor und echter Theaterleidenschaft.
Ich wünsche Euch für die Eure Spielzeit ausverkaufte Vorstellungen, begeisterte Besucherinnen und Besucher und ganz viel Freude an meinem Stück, das Ihr mit viel Liebe zu Eurem Stück gemacht habt.
Ich danke Euch!
Euer
Bernd Spehling

