Ein Gefühl wie Apfelplunder…

Okay, los geht`s. – Wahrscheinlich hätte ich auch an meinem 50. wie jedes Jahr mit einer Grillzange auf der Terrasse gestanden. Sah jedenfalls alles danach aus, bis mir nach einer patzigen Geburtstagskarte und einem ebenso patzigen Geburtstagsanruf meines „Lieblingsoldies“ im letzten Jahr die Idee kam, diesmal mehr zu drehen als Grillgut.

Wenn man für die älteren Angehörigen über viele Jahre gibt, sich kümmert, macht und tut, bedarf es am Ende manchmal eines ärztlichen Impulses um festzustellen: Es ist gut, aber man darf auch an sich selbst denken. Meine Finger sind längst blutig gefressen, und die nächtlichen, heftigen Schmerzen flößen mir Respekt ein, weil sie mich hoch schrecken lassen wenn ich am wenigsten damit rechne.  

Wir buchen und kaufen für meine Familie viele schöne Dinge, aber ich selbst stelle fest, dass ich Wochen brauche, um mir für mich selbst eine neue Uhr zu kaufen. Ich hab das Geld, aber ein schlechtes Gewissen. Es geht nicht so einfach. Und warum? Keine Ahnung. Nach Strapazen voll Krankenhausaufenthalten, Haustandauflösungen, seniorengerechter Wohnungssuchen, Umzügen und der Pflege bis hin zum Tod scheine ich bei stets unverändertem – vor allem undankbarem – Gequengel das Entspannen verlernt zu haben. Ein Muskel tief drinnen kontrahiert scheinbar völlig autark und lässt mich nachts hochschrecken und nach meiner Lebensversicherung fahnden. Und das bleibt so, wenn ich mich nicht behandeln lasse, sagen die Ärzte.

Ich befinde mich also im April, nur eben etwas anders, als in (m)einer Komödie.

Mein größtes Glück in dieser Misere: Meine Frau und mein Geschwisterteil. – Samt allem „drum herum“.

Ermutigt und nach tagelangem Herumzaudern hab ich nun gebucht. Tatsächlich. Ich hab`s getan. Ich hab`s getan! Mit einem Blick vom Bettchen direkt bis auf`s Meer! Stolz wie Oskar und mit breitem Grinsen erzähl ich es einem Freund, der mich daraufhin kopfschüttelnd fragt, wieso ich denn dafür jetzt so lange gebraucht habe und mir erklärt, dass er damit an meiner Stelle schon „…längst durch…“ wäre. Gut. Dann sag ich`s mal so: Hauptsache ich find mich spontan. Also erstmal zwei Tage an`s Meer, länger halt ich`s allein sowieso nicht aus, dann muss die ganze „Firma“ nachkommen. Aber diese zwei Tage stehen jetzt erstmal im Raum! Passt ja mal wieder alles zusammen, könnte man denken. Aber eine Midlife-Crisis kann es ja eigentlich kaum sein, denn hundert will ich ja gar nicht werden.

Einige Wochen vorher dann ein erneutes Nörgeln aus der Oldie – Front und bam! – Massage gebucht. Aber nicht nur eine. Ne – heeee. – Zwei! Zwei gleich! Direkt hintereinander! Läuft! War gar nicht so schlimm. War sogar einfacher als ich gedacht habe. Und jetzt lache ich für mich allein, als hätte ich in einer schmalen, von Kopfsteinpflaster gezeichneten Gasse irgendwo in der Altstadt früh morgens um fünf heimlich im Nebel ein Stück Apfelplunder von einem Holzwagen gemopst. Herrlich! Herr-lich!

Und jetzt bin ich hier, mit zwei Tagen Vorsprung vor meiner Familie und dem permanent mitschwingenden Gefühl, gerade etwas Verbotenes zu tun. Um also bei meinem Beispiel zu bleiben:  Ich stehe nun in einer Seitengasse, halte das Stück Apfelplunder in meinen zittrigen Händen, bin völlig außer Atem und denke: „Das hätte jetzt vielleicht nicht sein müssen.“ Sicher. Dieser Vergleich hinkt. Im Unterschied zum Apfelplunder habe ich meine kleine Auszeit hier natürlich bezahlt. Aber die besagten starken Frauen an meiner Seite haben mich dazu ermuntert, und selbst wenn ich nicht gefahren wäre, so hat mir allein das schon gut getan.

Ich habe inzwischen die Seeluft genossen, war in einer kleinen Kapelle, ich bin gejoggt, habe vermutlich ungewollt welche von diesen feinen Leuten hier unterhalten, ich bin geschwommen und habe die obligatorische Arschbombe vergessen, ich hatte diese Massagen und sehne jetzt wieder meine Familie herbei, die heute zu mir stößt. Meine größte Freude! Und mein Akku ist wieder voll zum Toben.

Zu Hause freue ich mich auf meine Gäste. Wir haben einen Caterer bestellt. Gerade habe ich mir ein Stück Apfelplunder gekauft, gleich abgebissen und der Verkäuferin erzählt, dass er verboten gut schmeckt. Wir mussten lachen.

Ich weiß schon gar nicht mehr, wo unsere Grillzange liegt.    

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