Von 50. Geburtstagen und isländischen Lachshühnern
Tatsächlich habe ich im echten Leben schon zwei Fälle erlebt, in denen der Ehemann seiner Frau all seine Pläne offen gelegt hatte, was er jenseits der Fünfzig noch zu erwarten hoffte. Das Problem war nur, dass in beiden Fällen die Ehefrauen nicht mehr vorkamen. Ich selbst bemerke solche Fälle und deren Entwicklung immer erst als Letzter. Warum? Weil ich immer an das Gute glaube, an das „Wir sind ja hier nicht beim Fernsehen.“ Vermutungen. Okay. Gerüchte. Meinetwegen. Aber dass da ernsthaft einer abdampft? Wie in einer Fernsehkomödie bei den Privaten? Mit nicht einmal fünfzig? Doch nicht, wenn du bereits alles hast, also Frau, Kinder, Haus, Familienkutsche, All in – Urlaub mit Bingo, Kinderdisco und sogar die Einbauküche mit Thermomix auf der Arbeitsablage (Modell TM 21)! Kann man sich so etwas nicht früher überlegen? Was ist wohl der Grund für ein solches Verhalten, habe ich mir überlegt. Um es abzukürzen: Ich weiß es bis heute nicht. Was mich aber nicht davon abhält, zu spekulieren. Und davon handelt meine Komödie „Männer im April“. Vom Mann als Spätzünder, der seinen zweiten Frühling erst im April entdeckt, obwohl der Frühling ja im März beginnt. Also schrieb ich zu meinem 50. Geburtstag all das auf, was mir in diesem Zusammenhang unter den Nägeln brannte. Und am Samstag machten wir uns nun also auf nach Bielefeld, um das dort auf der Bühne lebendig gewordene Resultat zu genießen. Quartier bezogen wir in Bielefeld. Um zunächst das zu tun, was ich immer noch am besten kann (essen und trinken) und uns auf den Weg nach Jöllenbeck zu machen. Denn Jöllenbeck ist einer der Spielorte des Theaters Lampenfieber Werther, das meine Komödie unter anderem hier zur Aufführung bringen sollten. Übrigens hatte ich mich mental auf die Situation einzustellen, in der Pause von einem zufällig anwesenden Naturwissenschaftler auf die (also meine) Studie mit den norwegischen Lachshühnern angesprochen zu werden. In einem solchen Fall hätte ich abzuwägen gehabt, eine Magenverstimmung vorzutäuschen und mich kurz zu verabschieden oder kreativ zu werden. Apropos kreativ: Wonach genau klingt für Sie „Jöllenbeck“? Ich kann mir nicht helfen, aber für mich klingt Jöllenbeck nach einer gut machten Werbung für ein kühles, frisch gezapftes Craft Beer. D. h. „Jöllenbeck alkoholfrei“ für Leute, die sich sagen „Ich kann auch ohne Alkohol Spaß haben.“ Oder einfach „Jöllenbeck“ (mit Alkohol). – Für Leute, die sagen: „Mir doch egal. Ich kann auch ohne Spaß zu haben viel Alkohol trinken“.
Angereist waren wir mit dem Zug, mit dem wir mit wenig Verspätung ankamen. Ihr wisst schon: „Dir Pässänschas. Wi will äreif äbaut zwänti Minnäts läita bekos wi häf ä Störung in se Betriebsablauf“
Frisch gestärkt ging es dann aber endlich los zum Theater Lampenfieber in Jöllenbeck. Und je mehr wir uns der Aufführungsstätte näherten, desto mehr wurde klar: Hier pilgern die zu Recht treuen Anhänger des Theaters Lampenfieber Werther zur Bühne. Nur eben in Jöllenbeck. Es ist ein logistisch enormer Aufwand, hier die Bühne auf- und dann wieder abzubauen, um sie dann nach Werther zu transportieren und sie dort wieder auf- und zu gegebener Zeit wieder abzubauen. In Werther ist die Nutzung der Bühne allerdings erst am Aufführungssamstag möglich mit der Folge, dass alle mit anpacken, um dann am selben Tag aufzubauen und zu spielen, aber auch zu beleuchten, zu versorgen und vieles mehr. Schon das verdient großen Respekt, wenn man bedenkt, dass all das noch zusätzlich mit dem Job, der Familie und vielem mehr in Einklang zu bringen ist. Der Zusammenhalt und die Bereitschaft, füreinander da zu sein, den Applaus zu genießen, aber auch füreinander da zu sein, wenn jede und jeder gebraucht wird, ist besonders in diesen Zeiten ein gutes Gefühl. Ein schönes Erlebnis und ein gutes Gefühl. Auch dafür: Danke!
Euer Bernd Spehling

